Axel Zienicke.

Pawel Zaltsman.

Pawel Jakowlewitsch Zaltsman wird am 2.Januar 1912 in Kishinew, nicht weit von Odessa, geboren. Seine Mutter ist Jüdin und stammt aus Polen. Der Vater, Deutscher, dient als Offizier in der russischen und nach der Revolution in der Roten Armee. Bildende Kunst und Literatur spielen im Elternhaus des Künstlers eine große Rolle. Der Vater besitzt eine ausgezeichnete Bildung, ist Dichter und Landschaftsmaler. Er vermittelt seinem Sohn erste Einblicke in die Welt der italienischen und der deutschen Renaissance, in das literarische Werk von E. T. A. Hoffmann, Heinrich von Kleist, Achim von Arnim und Clemens von Brentano, in die Philosophie Immanuel Kants. Er führt ihn in die russische Neoromantik und in den russischen Symbolismus ein. Der junge Pawel betrachtet mit seinem Vater Reproduktionen der Peredwishniki. Sein Interesse für das lebendige Gesicht, das Hintergründige im Menschen wird geweckt.


Schon in frühen Jahren zeichnet er groteske Gesichter. Immer wieder uberarbeitet er deren Formen. Daneben begeistert er sich auch für Architekturlandschaften, die ihn zeit seines Lebens beschäftigen werden.

Im Jahre 1925 zieht die Familie nach Leningrad. Museumsbesuche, Lesungen, Hauskonzerte pragen den jungen Künstler. […]. 1927 findet im Pressehaus die Ausstellung der Gruppe MAI (Meister der Analytischen Kunst) statt, die unter der Bezeichnung "Filonows Schule" bekannt geworden ist. Der 15jährige sucht Pawel Filonow in seiner Wohnung auf, sieht die Bilder "Gastmahl der Könige", "Kuhmarkt", "Markt und Frau", "Die Flucht nach Ägypten" und ist tief beeindruckt. 1929 entsteht sein erstes Aquarell "Fünf Köpfe". Unter der Anleitung Filonows findet der junge Künstler zu seiner Farbigkeit, die durch subtil nuancierte Blau- und Brauntöne bestimmt ist.


1930 wird er Mitglied der Gruppe der Meister der analytischen Kunst und Filonows Schüler bis zu dessen Tod während der Leningrader Blockade. Er verinnerlicht das propagierte Prinzip Sdelannost, was so viel wie "Schaffen" heißt, organisiertes systematisches Arbeiten des Menschen am Material. Der Intellekt des Künstlers wird - so Filonow wörtlich - "in die höchste Form umgestaltet... Der Meister der analytischen Künste ist verpflichtet, die Form jede Sekunde zu erfinden." Die Form ist vom Inhalt des Bildes niGht zu trennen. Es gibt "keinen Formalismus, sondern nur den Inhalt in dieseroder jener VersGhiedenheit." Wie Filonow ist Zaltsman von der Idee besessen, menschliche Charaktere wiederzugeben, spezifisch modellierte Gesichter darzustellen, die Skala mentaler Konflikte auszudrüken. Von 1932 bis zum Anfang des großen vaterländischen Krieges arbeitet der Künstler als Szenenbildner im Studio Lenfilm. Dort lernt er prominente Filmproduzenten wie die Vasiliyew-Brüder, I. Trauberg und A. Ivanow kennen. Er nimmt an Filmexpeditionen zum Polarkreis, nach Karelien, zum Baikalsee, ins Pamirgebirge, nach Tadschikistan, Usbekistan und Kirgisien teil. Sein Auge hält die Vielfalt der Gesichter, ihren Ausdruck, die Haltungen der Menschen, Charaktere test. Er beschäftigt sich mit der Psychologie, der Kultur und Kunst Mittelasiens und eignet sich für das eigene Werk filmische Ausdrucksmittel wie Großaufnahme und Schnittmethoden an. Gleichzeitig arbeitet er als Illustrator für Magazine wie "Rezets", "Perelom", "Stroika", "Unyi Proletaryi".

1933 wird Pawel Zaltsman Mitglied des Leningrader Verbandes Bildender Künstler der UdSSR. Er beteiligt sich an den ersten Verbandsausstellungen. In den Jahren 1932 und 1934 entstehen die Arbeiten "Selbstportrait" (Öl auf Leinwand) und "Eine Gruppe mit Portraits von S. Ornshtein und Lidochka" (Aquarell), die bereits die collagenähnliche Portraitanordnung im Bild, die für den Künstler typisch ist, vorwegnehmen. Für ihn gibt es keine uninteressanten Details. Jedes Gesicht, jeder Gegenstand oder Stoff der Umgebung ist von Bedeutung. Die Arbeiten drücken Emotionalität aus.ln der Regel stellt der Künstler nicht eine in einem bestimmten Moment wahrgenommene Szene dar, sondern verschiedene Situationen, die er gedanklich verbindet, gleichzeitig. Jedes seiner Werke ist Ergebnis von Kontemplation, langen Beobachtungen. Die Masse Mensch wird sein bevorzugtes Thema, die Beziehungen zwischen Individuen in ihren jeweiligen inneren Zuständen. Haufig gibt es zwischen den Charakteren einen Austausch emotionaler Energie. Jedes dargestellte Individuum besitzt eine personliche Erfahrung psychologischen Drucks, der durch andere ausgeübt wird oder den es selbst auf andere ausübt. Der Künstler bringt das System der Kontakte der Menschen untereinander zum Ausdruck. Parallel zu den mehrfigurigen Kompositionen der frühen Jahre entstehen die Graphikserien "Dekorative Landschaften" und "Phantastische Landschaften". Die Häuser, Ortschaften und Städte werden erst realistisch, später abstrahierend, häufig menschenleer dargestellt.


Während der Blockade Leningrads wird der Künstler mit Frau und Tochter nach Alma-Ata in Kasachstan evakuiert. Dort setzt er seine Arbeit als Szenenbildner in dem Zentralen Vereinigten Filmstudio und im Filmstudio "Kasach-Film" fort. Die schweren Kriegszeiten spiegeln sich in der Graphik- reihe "Romantische Serie" wieder.


Dazu gehoren die Blatter "Er wird noch leben", "Schapka aus der Zeitung gebastelt", "Durch die Nacht Gehende". Das Thema dieser Arbeiten ist der Mensch, der schweren Prüfungen ausgesetzt ist und kampft.


Ais Zwangsübersiedler wird es dem Künstler nach Kriegsende untersagt, nach Leningrad zurückzukehren. Er wird als unerwünschter Deutscher angesehen. Seine Werke, die mit dem verordneten orthodoxen Optimismus wenig gemein haben, dürfen nicht mehr ausgestellt werden. Um seine Familie ernähren zu können, tritt Zaltsman als Kunstwissenschaftler auf. Er hält an der Universität, im pädagogischen Institut und an der Kunstakademie glänzende Vorlesungen, die zumeist überfüllt sind. Alma-Ata wird zur zweiten Heimat des Künstlers, der tief in die traditionelle Kultur, in die Geschichte der Kasachen eindringt. Er schreibt ein Buch "Mittelasien im Mittelalter" und schafft nach Gedichten von Olzhas Suleimenow eine Serie von graphischen Blattern und Aquarellen. Die Zeichnung "Biblische Stadt" (1965) gibt Typen unterschiedlicher Nationalitat wieder wie einen Araber, Türken, Byzantiner und Kreuzfahrer. In dem Aquarell "Asiatische Feuer" überträgt der Maler die Gedanken des Dichters in sichtbare Charaktere. Das zwischen 1960 und 1966 entstandene Gedicht handelt von Propheten, Priestern, Schamanen, die spirituelle Werte schaffen und dem Volk schenken und dafür verbrannt, statt anerkannt zu werden. Zaltsmans Menschen lauschen, beobachten den Propheten, den Schamanen. Es ist kein verbitterter, sensationshungriger Mob. Die Gesichter wirken nachdenklich. Hier in Kasachstan findet Zaltsman in der Periode des Tauwetters offizielle Anerkennung. Ihm wird der Titel eines Verdienten Künstlers Kasachstans verliehen. Es folgen Ankäufe großer Museen in Moskau, St. Petersburg und Alma-Ata wie der Tretjakow-Galerie, des Russischen Museums und des Museums der Kunst der Orientvölker.

In den 60er und 70er Jahren arbeitet der Künstler an Serien wie "Spaziergange abends" und "Spaziergange nachts". Die nachtlichen Spazierganger spiegeln eine von heftigen und zwiespalten Konflikten zerrissene Welt wider. Die jeweiligen detailliert herausgearbeiteten Gesichter drücken Entfremdung, Bosheit, Heuchelei, Verschlagenheit und Grausamkeit aus. Der westliche Betrachter fühlt sich an Darstellungen von George Grosz, Max Beckmann, James Ensor erinnert. Die Serie "Ein harter Weg" ist der französischen Resistance gewidmet, die Serie "Das vergessen wir nicht" setzt sich mit den Verbrechen des Faschismus und seinem Untergang auseinander. Die Tuschezeichnung "Die Stadte brennen" (1967) dokumentiert die Eindrücke, die der Künstler zur Zeit der Blockade Leningrads Tag für Tag gewonnen hat.


In den Arbeiten der reifen Periode wird die Aufmerksamkeit des Künstlers für das Konkrete und Individuelle durch das Interesse am Typischen, Idealen ersetzt. Die in pointilistischer Manier ausgeführten Aquarelle geben zumeist ernste Charaktere wieder. Die Soldaten aus dem Jahre 1978 erinnern an die Figurenwelt Piero della Francescas. Die verführerisch feinen Gesichtszüge der weiblichen Gestalten überlagern Eigenschaften, die der Künstler mit Bildtiteln wie "Füchsinnen" (1978) und "Papageien" (1968) ironisierend andeutet.


1985 stirbt Pawel Zaltsman. Seine Tochter Elena, die heute in Israel lebt, erbt einen großen Teil seiner Werke, darunter Erzählungen, die immer noch nicht veroffentlicht sind.

Pawel Zaltsman, Katalog der Ausstellung im "Maison des Vaches", Blankenheim, Januar 1998. IZBA Verlag, 1998.